Metamorphosen


Sieben Geschichten nach Ovid
Theater Waidspeicher Erfurt
Premiere 8.Juni 2012


Regie/Buch: Frank Alexander Engel
Bühne/Puppen/Kostüme: Kerstin Schmidt, Frank Alexander Engel
Sound: Nis Sogarrd
Fotos: Lutz Edelhoff

 

Metamorphosen nach Ovid im Erfurter Waidspeicher zu erleben

Sylvia Obst

Erfurt.Tlz. 11.06.12

Für Aufklärung mit viel Humor sorgt "Metamorphosen" im Erfurter Waidspeicher.

Für Aufklärung und köstliche Unterhaltung sorgt das Stück "Metamorphosen" nach Ovid in einer zauberhaften Fassung im Puppentheater des Theaters Waidspeicher. Eine Empfehlung für alle ab 12 aufwärts!

Erfurt. Etwas mit Argusaugen bewachen. Kennt man, heißt: etwas richtig gut bewachen, um die Uhr sozusagen. Kennen wir alle mehr oder weniger. Aber dass die Urgeschichte aus Ovids "Metamorphosen" stammt, ist nicht sofort jedem klar.

Vieles aus diesen insgesamt 250 Sagen, die der römische Dichter Publius Ovidius Naso (kurz Ovid genannt) zusammen getragen hat, sind heute mitunter im Allgemeinwissen verankert, ohne dass es uns bewusst ist. Anderes wurde verarbeitet im Laufe der Zeit. Unter anderem die Story des alten Paares Philemon und Baukis, denen die Götter die Gnade schenkten, sich nie trennen zu müssen. Wir finden sie bei Goethe wieder, in seinem zweiten Teil vom Faust.

Seit vergangenem Freitagabend gibt es nun auch eine Aufarbeitung der Ovid'schen Stoffe im Erfurter Puppentheater. Sieben auf einen Streich wurden auserwählt von Frank Alexander Engel, der auch die Regie übernahm. Gleich nach der ersten spendete das Premierenpublikum Applaus für die zauberhafte Inszenierung. Eine echte Überraschung: Ovid für Zwölfjährige. Ein großer Spaß für Erwachsene. Sehr sehenswert!

Es spielen Anna Fülle, Kristine Stahl, Paul Günther, Thomas Mielentz und Martin Vogel. Für eine Bühne im Adventskalenderformat sorgt Kerstin Schmidt (sie zeichnet auch für Kostüme und Puppen). Türchen auf, Türchen zu. Rechts und links, vorn und hinten öffnen sich Türen und Türchen in dem als eine Art Weltall konstruierten Bühnenbild, aus ihnen strömen die Überraschungen, Personen und Puppen. Eine Art Guckkasten, genau in der Mitte der Bühne angesiedelt, bringt einzelne Szenen ins Rampenlicht. Ebenso der große Tisch in der Mitte der Spielfläche, der - wie die Bühne generell - unterschiedlich aus- und angeleuchtet wird (Licht: Felix Bauer). Doch das Schönste an allem sind die Puppen. Klar, wir sind ja auch in einer Inszenierung des Puppentheaters. Und dabei werden den Zuschauern (die Inszenierung ist für Kinder ab 12 Jahren) grundsätzliche Dinge vorgeführt.

Alle Männer haben einen Pimmel. Und die Frauen Brüste. Im Leben ist das klar, bei Puppen nicht immer. Hier ist es eindeutig. Wandert man doch mit diesen Puppen und Ovids Metamorphosen zurück in die Entstehung der Menschheit. Gleich in der ersten Geschichte. Nach der Sintflut gibt es nur noch Deukalion und sein Weib Pyrrha. Und deren Erlebnisse zeigen, wie diese etwas Betagten doch noch Nachfahren auf die Erde bringen können. Nach Götter-Gustus.

Götter-Gustus

Nach eben jenem Götter-Gustus läuft so einiges in den insgesamt sieben Erzählungen im Puppentheater. In einem gut gespannten Bogen erfahren die Zuschauer auf sehr unterhaltsame Weise auch von Daphne, die sich dem Liebeswerben Apolls entzieht, indem sie zum Lorbeerbaum wird. Aurora, die Göttin der Morgenröte, erbittet für ihren Geliebten Unsterblichkeit von den Göttern; so lebt er als Zikade weiter. Ja, es sind Geschichten um all die Sehnsüchte der Menschen: Liebe und Unsterblichkeit, aber auch Gier nach Gold und Eifersucht spielen eine Rolle. Alles wird so einprägsam, einfach und mit so viel Theater-Zauber erzählt, dass sich wohl niemand dieser Inszenierung entziehen kann. Wahrscheinlich auch deswegen, weil mit viel Augenzwinkern und Humor erzählt wird. Schließlich blicken wir ja aus dem 21. Jahrhundert auf diese "alten Sagen" - und entdecken dabei ihre Erzählkraft, aber auch ihre im Innersten liegende Wahrheit.

Wie bei Argus, der zu wachen hat über die schöne Io, die wegen der Eifersucht von Juno auf ihren Gatten und göttlichen Weiberheld Jupiter in eine Kuh verzaubert wurde. Abgesehen von den vielen Augen, die diese Puppe hat, hat sie - nein: er - natürlich auch (wieder) einen großen Pimmel. Somit wird klar: Argus mit den wachenden Argusaugen, war nicht irgend ein Wesen aus metamorphorischer Vorzeit, sondern ein Mann!

Ovids "Metamorphosen" im Erfurter Waidspeicher inszeniert

Thüringer Allgemeine

Frauke Adrans, 12.06.12

Regisseur Frank Alexander Engel setzt am Theater Waidspeicher sieben Sagen aus Ovids "Metamorphosen" in Szene. Die Schicksale von Orpheus, Midas, Daphne und Io sind großes Theater für Menschen und Puppen.

Erfurt. "Ich kenne nichts Ärmeres unter der Sonn als euch Götter", grollt Goethes Prometheus, und der Mann hat Gründe. Die Götter im Olymp sind auch nur Menschen, ebenso rach- und ruhm- und eifersüchtig wie die Erdenbewohner; und wo der schwache Mensch auf einen launischen oder liebestollen Gott trifft, wächst selten Gutes. Ovids "Metamorphosen" erzählen davon. Frank Alexander Engel hat am Theater Waidspeicher sieben der 250 göttlich menschlichen Sagen dramatisiert und in Szene gesetzt: ein Spiel für Puppen, Menschen und die Fantasie.

Die handelnden Personen - von Orpheus und Eurydike bis Philemon und Baukis, von der schönen Daphne bis zum goldgierigen König Midas - sind höchst unterschiedlich, ihre göttergewollten Schicksale reichen vom derben Schwank bis zur Tragödie. Die Inszenierung trifft in jeder der sieben Geschichten den Ton, nichts wird versimpelt oder zur schlichten Komödie umgedeutet, jede Sage bewahrt ihren doppelbödigen Charakter: kein Happy End ohne Moll-Obertöne, keine Tragödie ohne einen höheren Sinn, weit höher als die niederen Instinkte eines Jupiter oder eines Bacchus.

Fünf Puppenspieler setzen eine Vielfalt an Figuren in Bewegung, von kleinsten Stoffpüppchen bis hin zum schrecklich großen Argus, einem bedrohlichen Blödian mit nichts als Augen im Kopf und Extremitäten wie Staubsaugerschläuchen. Die Könige und die Götter aber spielen sie selbst, und es ist ein feinsinniger Kommentar zum Zustand des Olymp, dass es Menschen braucht, um Götter zu verkörpern. Tomas Mielentz ist großartig als Jupiter - meterhohe Krone und schimmernder Brustpanzer, aber ganz klein mit Hut, sobald die eifersüchtige Juno (Kristine Stahl) hinter sein Techtelmechtel mit der schönen Io kommt; Paul Günther ist, neben vielen anderen, ein aufreizend einfältiger Midas, der seine Finger nicht schnell genug um goldene Äpfel und goldene Hummer krallen kann, bis ihm dämmert, dass Gold nicht essbar ist.

Das von Frank Alexander Engel und Kerstin Schmidt gestaltete Bühnenbild ist der Himmel selbst, ein leuchtend blaues Firmament mit allen Sternbildern; aber der Himmel hat praktische Durchreichen - wie bezeichnend für den Kleingeist der Götter, dass sie sich ihr Reich nach Gesichtspunkten menschlicher Bequemlichkeit einrichten! Durch Klappen und Türchen wird Essen geschoben, linst das fette betrunkene Stoffpüppchen Silen auf die Szene, erhascht das Publikum einen Blick auf den von der lästigen Stechmücke Amor angestachelten Gott Apoll (Martin Vogel), dem so viel Öffentlichkeit gar nicht recht ist.

Gott, was für Götter. Mit ihnen kann kein Mensch ein Einsehen haben, wohl aber mit den kleinen Menschenpuppen, die versuchen, trotz göttlicher Intervention ihr Leben zu leben: Daphne, die vor Apoll flieht und zum Olivenbaum wird; Io, von Jupiter bedrängt und in eine Kuh verwandelt; Orpheus, den ein einziger verbotener Rückblick das Lebensglück kostet. Tragische Geschichten, aber mit einer Wendung ins Versöhnliche - und vom Waidspeicher-Ensemble wunderbar poetisch und humorvoll gespielt.

Menschen wie Götter rennen in Ovids Metamorphosen törichten Sehnsüchten nach, und manche Wünsche sollte der Mensch lieber nicht äußern: Sie könnten in Erfüllung gehen. Aber wenn die Sagen dieses exzellenten Puppen- und Schauspielabends eine Moral haben, dann diese: Wünsche aus selbstloser Liebe sind nie verkehrt. Aus Liebe retten die Sintflut-Überlebenden Deukalion und Pyrrha die Menschheit; aus Liebe wünschen sich Philemon und Baukis nichts anderes, als immer zusammenbleiben zu können. Sie leben gemeinsam weiter - als Bäume. Manchmal wächst eben doch Gutes, wenn Menschen auf Götter treffen.

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