Die Abenteuer des Ritters Don Quichotte und seines treuen Knappen Sancho Panza


Nach Miguel de Cervantes, mit Musik von Georg Friedrich Telemann, Premiere am Puppentheater Magdeburg, Premiere: 11.Juni 2017


Regie/Buch: Frank Alexander Engel
Ausstattung: Kerstin Schmidt, Frank Alexander Engel
Dramaturgie: Katrin Gellrich
Spiel: Franziska Dittrich, Inga Schmidt, Sascha Bufe
Fotos: Jesko Döhring

 

Augen- und Ohrenschmaus

Magdeburgs musikalischster Sohn gilt als produktivster Komponist aller Zeiten. Georg Philipp Telemann (1681-1767) wird ein unvergleichlicher Fleiß bescheinigt. 1043 Kirchenkantaten, 78 Messen, 40 Opern und rund 1.000 Orchestersuiten, von denen nur etwa 100 erhalten sind, stammen aus seiner Feder. Mit einem opulenten Veranstaltungsreigen erinnert Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt an das Musikgenie, dessen Todestag sich 2017 zum 250. Mal jährt. Die „telemania“ setzt in erster Linie auf barocke Klänge, sucht aber auch neue Wege.

Als Auftragswerk vergaben die Festtage Telemanns Don Quixote Suite für Streicher und Continuo an Magdeburgs Puppentheater. Ein Experiment, das den Ritter von der traurigen Gestalt auf gänzlich neue Art in den Blickpunkt rückt. Die Kombination des Musikstücks mit Figurentheater ist reizvoll, schafft neue Sichten, bringt einen Literaturklassiker mit barocken Klängen zusammen.

Der Zuschauer fühlt sich ein wenig an die Filmmusik der Stummfilmzeiten erinnert. Vor der Bühne hat das Ensemble KONBarock Platz genommen. Im Wechsel mit dem Puppenspiel entfaltet sich so ein ganz neuer Ansatz der Adaption der Telemann-Suite, die die Abenteuer des Ritters regelrecht in Musik übersetzt. Franziska Dittrich, Inga Schmidt und Sascha Bufe agieren dazu, erzählen die Geschichte des Don Quichotte von Miguel de Cervantes in atemberaubenden Tempo. Sie begleiten im Outfit des 17. Jahrhunderts mit den prägenden Pluderhosen den Junker aus einem Dorfe der Mancha in seinen Träumereien und bei dessen Abenteuern als fahrender Ritter. Er erlebt Gefahren, verliebt sich und macht das Bauernmädchen zur Dame seines Herzens, nennt sie Dulcinea. Sein Knappe Sancho Panza begleitet ihn auf den Abenteuern.

Frank A. Engel zieht alle Register, um die Geschichte zu einem Augen- und Ohrenschmaus werden zu lassen. Der permanente Wechsel mit der Barockmusik schafft kurze Pausen, um dann von einem regelrechten Feuerwerk an Erlebnissen mitgerissen zu werden. Er lässt die Spieler quasi auf drei Ebenen agieren: Menschliche Puppen wechseln mit anderen Figuren ab. Auf einer zweiten Spielfläche in Körperhöhe kommen Papierfiguren daher, die sich teilweise auch noch als Schatten an der Bühnenrückseite abbilden. Der berühmte Kampf mit den Windmühlenflügeln erhält seine Dynamik nicht allein durch die Darsteller, die in kurzem Takt wechselnden Papierpuppen verändern ihr Aussehen - herrlich anzusehen, wie aus dem „normalen“ reitenden Ritter ein „windschnittiger“ Kämpfer wird.

Unter dieser Ebene öffnen sich Fenster: Dann setzt die Inszenierung auf Masken und den Sprachwitz der Akteure. Dazwischen erscheinen der alte Klepper Rosinante von Don Quichotte und Panchos Esel als lebensgroße Köpfe, dazwischen macht sich der Tod mahnend auf der Bühne zu schaffen, die riesige Figur im weißen Knochengerüst von den drei Spielern gemeinsam geführt wirkt eindrucksvoll. Überhaupt, Franziska Dittrich, Inga Schmidt, Sascha Bufe agieren so synchron, so aufeinander abgestimmt, dass keinen Augenblick Langeweile aufkommt. Zu den Kabinettstücken gehört der Kampf mit den Ziegenhirten, die Don Quichotte als Ungeheuer wahrnimmt. Statt echter Schläge und purer Gewalt setzt Regisseur Engel wiederholt wie im Comic auf das Wort, „Autsch“ oder „Pow“ beispielsweise auf großen Schrifttafeln, die die realen Handgreiflichkeiten ersetzen. Der Wechsel unterschiedlicher Darstellungsformen – auf einer klassischen Marionettenbühne werden zudem Karl der Große nebst Maurenkönig und der Prinzessin Melisande lebendig – macht die Inszenierung zum Erlebnis.

Die sieben Teile der Don-Quixote-Suite bieten die zumeist jungen Künstler des Ensembles KONBarock vom Magdeburger Konservatorium stimmig dar. Telemanns Komposition ist mehr als ein Beiwerk, beide Elemente der Inszenierung erweisen sich als gleichberechtigt. Teilweise greift zudem die Musik in das Puppenspiel ein, setzt damit interessante Akzente, begleitet die Handlung vom Erwachen des Don Quichotte bis zu dessen Sterben. Der Ritter von der traurigen Gestalt ist damit wieder in der Realität angekommen: „Ich bin kein Ritter mehr, bin nie einer gewesen.“

Klaus-Peter Voigt, auf www.fidena.de

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